Verklärungskirche Berlin-Adlershof, 18. Januar 2026
I.
Es ist wieder soweit. Wir befinden uns wieder in dieser doch sehr seltsamen Zeit zwischen den Jahren. Die Weihnachtsdeko ist halb weggeräumt, die Silvesterböller sind verknallt, und die guten Vorsätze fühlen sich schon jetzt ein bisschen anstrengend an.
Wir sitzen jetzt wieder hier im Gottesdienst und warten. Wir warten darauf, was dieses Jahr uns bringen wird. Und ihr wartet wahrscheinlich schon auf die neue Jahreslosung. Vielleicht habt ihr sie schon irgendwo gelesen, vielleicht auch nicht. Eine Frage bleibt aber: Was kann die Losung für uns bedeuten? Wo spricht sie in unser Leben und wie kann sie uns in diesem Jahr begleiten?
Ich habe sie gesucht und gefunden. Aber ich muss euch vorwarnen. Sie kommt diesmal erst ganz zum Schluss. Also, Wortwörtlich zum Schluss. Wer die Bibel einmal von vorne bis hinten gelesen hat, wird erst ganz am Ende auf sie stoßen.
Aber, soviel sei schon verraten. Eine wichtige Rolle spielt das kleine Wort “neu”. Es geht also um etwas Neues, um Wandel, um Veränderung, um Wachstum. Ein Motiv, das in unser aller Leben spricht, da es doch das Leben an sich beschreibt.
Die Bibel ist voll von Anfängen, Veränderungen und Wandel.
Am Anfang Chaos und Licht – und schon beginnt etwas. Erde, Atem, Mensch, ein Garten.
Nach dem ersten Bruch nicht das Ende, sondern ein neuer Weg. Nach Schuld Weitergehen, nach Flut ein Bund, nach Zerstreuung wieder Verheißung.
Immer wieder Aufbruch. Aus wenigen wird ein Volk. Aus Sklaverei wird Auszug. Aus Angst wird Weg. Das Meer öffnet sich. Die Wüstenzeit beginnt.
Dann Land, Könige, Tempel. Exil.
Und doch: Rückkehr. Neubau. Neudenken. Warten.
Dann wieder ein neuer Anfang. Eine Stimme. Ein Mensch. Berührung statt Distanz. Ein Kreuz. Leeres Grab. Neuer Atem. Eine neue Bewegung.
Und dann …

Wäre die Bibel ein Film, könnte nach der Apostelgeschichte und den Briefen der Abspann kommen. Hand aufs Herz, wer von euch verlässt das Kino, wenn der Abspann kommt?
Heute bleiben wir mal sitzen und warten auf die Post-Credit-Szene. Die Offenbarung des Johannes. Die Vorschau auf das, was uns im nächsten Teil erwartet.
II.
Liebe Gemeinde,
in gewisser Weise drehen wir ständig unsere eigenen Filme und Serien. Da ist unsere ganz persönliche Lebens-Serie: die täglichen Episoden des Alltags, die Dramen im Büro, die Komödien beim Abendessen.
Da ist die große Familiensaga, die sich über Generationen zieht, mit all ihren Fortsetzungen und manchmal auch schwierigen Spin-offs.
Und da ist natürlich die Geschichte unserer Gemeinde eine Serie, die schon seit über einem Jahrhundert läuft, mit immer neuen Staffeln und wechselnden Besetzungen.
Aber bevor wir heute den Teaser für die neue Staffel sehen dürfen, müssen wir, wie bei jeder guten Serie, erst einmal das „Was bisher geschah“ anschauen. Denn um zu verstehen, wohin die Reise geht, müssen wir würdigen, wo wir herkommen.

Das führt mich direkt zu euch, liebe scheidende Älteste. Wenn wir auf die letzte Staffel unserer Gemeinde schauen, dann sehen wir euch ganz vorne im Abspann. Ihr wart die Aufnahmeleitung und Regie-Assistentz in einer Zeit, die alles andere als ein leichter Unterhaltungsfilm war.
Ihr habt damals, zum Beginn eurer Amtszeit eure Ideen und Visionen mitgebracht und sie ins Drehbuch geschrieben. Doch dann kam es von Anfang an alles anders und das Drehbuch musste immer wieder umgeschrieben und angepasst werden. Gleich zu Beginn die erste große Krise, Corona. Dazu noch die vielen Baumaßnahmen, Renovierung der Kirche und des Pfarrhauses und der Neubau der Kita. Und als wäre das nicht schon genug, hattet ihr noch die Aufgabe, einen neuen Kantor und eine Pfarrerin zu finden. All diese Szenen haben viel Kraft gekostet. Aber sie sind jetzt im Kasten, sie sind ein Teil unserer gemeinsamen Geschichte. Heute dürft ihr “Schnitt!” rufen und den Drehplan weiter reichen.
Wir sagen heute als ganze Gemeinde: Danke für euren Einsatz – vor und hinter der Kamera!
III.
Aber jeder, der schon mal bis zum Ende des Abspanns sitzen geblieben ist weiß: Ein Film besteht nicht nur aus den Gesichtern, die man vorne sieht. Da rollen hunderte Namen über den Bildschirm. Alle Teil der Crew, alle wichtig. Ihr alle seid die Crew dieser Gemeinde.
Da sehe ich die Musiker*innen, ihr seid das Sound-Design. Ohne euch wäre der Film ziemlich leise.
Ich sehe die vielen helfenden Hände, die jede Woche dafür sorgen, dass die Kirche schön geschmückt ist. Ohne euch wäre das Bühnenbild und die Requisiten nur trist und grau.
Ich sehe diejenigen, die Kaffee kochen und Kuchen backen. Ihr seid die, die das Set bei Laune halten, wenn der Drehtag mal wieder länger dauert.

Ich sehe die Ehrenamtlichen in der jungen Gemeinde. Ihr seid das Scouting für die nächste Generation von Stars.
Ich sehe die Ehrenamtlichen im Besuchsdienst, im Büro, in den vielen kleinen Gruppen, alle, die sich einbringen.
Ihr alle seid die Crew. Und oft genug fühlt ihr euch wahrscheinlich wie Beleuchter, denen die Lampen durchbrennen, oder wie Statisten, die im Regen stehen. Irgendwie versucht ihr, die Kulissen des Gemeindelebens instand zu halten. Kostüme werden geflickt und die Requisiten poliert. Aber wir spüren: Wir können den Film zwar am Laufen halten, aber wir können kein neues Genre erfinden. Wir verwalten oft nur das, was schon im Skript steht, und hoffen, dass das Publikum nicht wegläuft.
IV.
Lassen wir den Blick vom großen Gemeindefilm mal kurz in unsere ganz privaten Filme schweifen. Auf die Szenen, die kein Regisseur jemals freigeben würde.
Einige von euch stehen heute vielleicht an einem Punkt, an dem ihr euch wie in einem schlechten Film fühlt. Ihr blickt auf das letzte Jahr zurück und seht Szenen voller Abschiede, verpasster Chancen oder schmerzhafter Wendungen. Und einige schauen auf das neue Jahr und denken: „Ich habe keine Lust auf eine Fortsetzung. Ich bin müde von den immer gleichen Konflikten, der immer gleichen Erschöpfung.“ Wir schleppen die Outtakes unserer Fehler mit uns herum und haben Angst, dass die nächste Staffel unseres Lebens nur ein schlechtes Remake des alten Kummers wird.
Genau zu diesen Menschen, die sich im falschen Film fühlen, spricht Gott in der Jahreslosung.
Gott ist nicht der Kritiker, der mit verschränkten Armen in der letzten Reihe sitzt und euren Film verreißt. Er ist auch nicht der Produzent, der nur auf die Einschaltquoten schaut.
In der Vision am Ende der Bibel spricht Gott persönlich. Und er kündigt keine bloße Fortsetzung, keinen Director’s Cut mit ein paar neuen Szenen an.

Gott kündigt eine Produktion an, die alles Bisherige sprengt.
Gott blickt auf die verpatzten Takes, auf unsere wackeligen Kulissen und auf die Erschöpfung der Crew. Und er sagt nicht: „Hier habt ihr ein bisschen mehr Budget, macht mal weiter.“ Nein, er kündigt an, dass er das gesamte Studio umbaut. Er verspricht eine Welt, in der es kein Ende mehr gibt, das mit Tränen endet. Er kündigt an, dass er alles Leid und allen Schmerz aus dem Drehbuch streicht.
V.
Und jetzt blicken wir auf euch, liebe neue Älteste. Ihr seid sozusagen die neuen Hauptdarsteller, die in dieser Staffel dazustoßen. Oder besser gesagt: Ihr seid die neue Regie-Assistenz, die jetzt ans Set kommt.
Ich weiß nicht, wie es euch heute geht. Wahrscheinlich habt ihr schon eine ganze Liste an Ideen im Kopf, wie wir die Kulissen hier mal ordentlich umstellen könnten.
Das Tolle an eurer Rolle ist: Ihr müsst das Rad nicht neu erfinden. Ihr müsst nicht die geniale Story schreiben, die die Kirche im Alleingang rettet. Der Plot steht nämlich schon fest. Eure eigentliche Aufgabe ist es, die Vorschau zu zeigen!

Stellt euch vor, ihr seid diejenigen, die am Set immer wieder sagen: „Leute, schaut euch mal den Trailer für das Finale an! Vergesst nicht, worauf wir hinarbeiten!“
Wir rüsten euch heute nicht mit Druck aus, sondern mit Freiheit. Denn wir wissen, wir arbeiten an einer Produktion, deren Happy End der Produzent höchstpersönlich schon unterschrieben hat. Ihr seid nicht für den Erfolg verantwortlich. Ihr seid dafür verantwortlich, dass wir Spaß am Set haben, gut zusammenarbeiten und immer einen Blick auf die nächste Szene haben.
VI.
Liebe Gemeinde,
In der Vision der Offenbarung wird uns versprochen, dass am Ende kein Leid, kein Geschrei und kein Schmerz mehr sein wird. Das ist das Ziel der Produktion. Aber wir leben noch mitten im Dreh.
Deshalb ist das mein ganz persönlicher Wunsch für uns alle und für unsere Gemeinde in diesem Jahr.
Ich wünsche, dass wir in den kommenden Monaten schon etwas von dieser Verheißung spüren. Dass wir in all dem Trubel, im Stress und auch in den schweren Stunden einen kleinen Blick auf das Happy End gewinnen können.
Ich wünsche uns Momente, in denen das Geschrei der Welt für einen Augenblick leiser wird und wir eine Ahnung davon bekommen, wie es sich anfühlt, wenn Gott die Regie übernimmt.
Ich wünsche uns, dass wir schon jetzt, mitten im Alltag, diese Vorfreude spüren, die uns durch jede noch so anstrengende Szene trägt.
Amen.
VII.
Die Predigt ist vorbei. Aber ihr sitzt ja immer noch hier. Ich weiß worauf ihr wartet. Auf das, was ganz zum Schluss kommt. Die Verheißung, den Blick in die Zukunft. Das, was uns in diesem Jahr begleiten soll.
Hier ist sie endlich die Losung für 2026.
Nur noch 7 Worte: „Gott spricht: Siehe, ich mache alles neu!“
Amen.

Bild am Anfang: www.undarstellbar.de
