Bleistiftskizze des 7. Engels in der Eingangshalle der Verklärungskirche in Berlin-Adlershof

Der 7. Engel – eine Rekonstruktion – Teil 1

Die Rekonstruktions- und Restaurierungsarbeiten im Inneren unserer Kirche sind abgeschlossen. Viele Besucher und Besucherinnen sind begeistert von der farbenprächtigen, ornamentalen Ausgestaltung des Innenraumes. Was aber ist mit der Eingangshalle? Dort wurden die Malereien nicht wiederhergestellt. Man habe sich darauf verständigt, dort nur die tatsächlich vorhanden, originalen Malereibefunde zu präsentieren, so Michael König, Projektleitender Restaurator. Im Folgenden erläutert Michael König die Arbeiten in der Eingangshalle der Verklärungskirche und die Rekonstruktionsskizze der Engelsdarstellung. Thomas Prinzler

Im Verlauf der Restaurierungsarbeiten hat sich während der Freilegung der bauzeitlichen Ausmalung in der Eingangshalle gezeigt, dass der Erhaltungszustand der unter den späteren Übertünchungen vorhandenen bauzeitlichen Malereifragmente sehr unterschiedlich ist. Insbesondere im Gewölbebereich lassen sich die ursprünglichen Ornamente teilweise noch recht gut ablesen. Es gibt aber auch Bereiche, in denen der ursprüngliche Bestand vor dem Überstreichen bereits durch Abwaschen oder Abbürsten so stark reduziert worden war, dass die vorhanden, von uns wieder freigelegten Reste, eine sichere befundbasierte Rekonstruktion der ursprünglichen Dekoration (auch theoretisch) nicht mehr zulassen würden. Es gibt inhaltliche Lücken über das Aussehen der ursprünglich vorhandenen Wandteppichmalerei in der unteren Wandzone, der Darstellung des Engels über den Durchgangstüren zum Kirchsaal sowie zur Ornamentik eines sehr aufwendig gestalteten, breiten Ornamentfrieses in den Seitentonnen des Deckengewölbes. Deshalb haben sich Restauratoren und Denkmalpfleger darauf verständigt, dass in der Eingangshalle nur die tatsächlich vorhanden, originalen Malreibefunde präsentiert werden, es aber an den Wänden und im Gewölbe zu keiner formalen Vervollständigung oder Ergänzung kommt, zumal es außerdem an historischen Fotos mangelt, welche wenigstens die Form der Ornamente aussagekräftig belegen würden.

Dennoch sind die Erkenntnisse zu den unklaren Bereichen, die wir durch die tiefgründige Beschäftigung mit den Malereien während der Freilegung erlangt haben, umfangreicher, als man es angesichts des präsentierten Zustandes annehmen würde.


Der 7. Engel – Teil 2

eine künstlerische Intervention von Hartmut Reiher

Hartmut Reiher, Bild 3, Verkündigungsengel Christus selbst

Für die theoretische Rekonstruktion des großen Ornamentfrieses wurden die vorhandenen Fragmente auf einer Folie durchgezeichnet. Da es sich um eine wiederholende Rapportmalerei handelt, konnte die Information zum Dekor dadurch verdichtet werden. Indem die Folie immer rapportweise weitergerückt wurde und immer neue in die Folie kartierte Ornamentdetails das Bild soweit verdichtet hatten, ließ sich die komplexe Friesornamentik in einer Zeichnung darstellen.

Ähnlich sind wir mit der Darstellung des Engels verfahren, wenngleich hier die Befundlage noch schlechter war und es sich hier um ein nur einmal auftretendes Motiv handelt. Die vorhandenen erkennbaren Formverläufe wurde auf eine Folie übertragen und festgestellte Farbbefunde hierin kartiert. Für folgenden Bereiche im Engel gibt es entsprechende Befunde:

  • Nimbus: kreisrund, mit einer Doppellinie eingefasst, strahlenförmige weitere Linien vom Kopf zum Außenrand, ockerfarben im Grundton. Die Art der Nimbusmalerei entspricht damit den gemalten Nimben der beiden Engel links und rechts der Triumphkreuzgruppe im Kirchsaal oberhalb des Chores.
  • Flügel: Die Silhouetten der Flügel sind nicht erkennbar. Befunde zur Farbigkeit sind nicht erhalten. Bei der Rekonstruktion haben wir uns an den Engelsdarstellungen im Kirchsaal orientiert, die zum Teil stark farbige Federn in den gemalten Flügeln haben.
  • Das Gesicht des Engels ist frontal dargestellt, die Position von Augen, Nase und Mund ist lokalisierbar. Es scheint sich um weibliche Gesichtszüge gehandelt zu haben.
  • Gewand: In der unteren Figurenhälfte sind einige Gewandfalten zu erkennen, die offenbar auch mit Linien grafisch konturiert waren. Hauptsächlich war das Untergewand hellrot, an den äußeren Grenzen gibt es aber auch kräftig blaue Farbfragmente, die auf einen Umhang hindeuten.  Dieser war bis zum Halsansatz hochgeführt (hin und wieder blaue Farbfragmente). Auch der Halsausschnitt des Gewandes mit dem tropfenförmigen Schlitz über der Brust ist im Befund noch ablesbar. In der Summe handelt es sich der Proportion der Massenverteilungen nach um eine sitzende Figur.
  • Fliegendes Spruchband: In der Bildmitte sind Reste eines Spruchbandes erhalten, welches höchstwahrscheinlich vom Engel in die Höhe gehalten wurde. Das Band ist an den Rändern mit einem dünnen roten Ritzer liniert. Es konnte die Silhouette von wenigen Buchstaben erkannt werden: sicher ist das „S“ im ersten Wort und das „D“ im zweiten Wort. Die Worte scheinen durch Punkte im Wortzwischenraum voneinander getrennt zu sein. Durch den annehmbaren normalen Zeichenabstand ergäbe sich ein Wort mit 4 Buchstaben, welches mit S beginnt, also wie folgt: „S_ _ _ • D“, danach ist die Schrift nicht mehr leserlich. Die Gesamtlänge des Spruchbandes würde ausreichen, um den hier beispielhaft ausgewählten Spruch „Soli • Deo • Gloria“ unterzubringen. Ob es dieser Spruch wirklich war, ist nicht belegt. Die bauzeitlichen Schriftzüge im Kirchsaal sind nicht in Latein verfasst. Das spräche dagegen. Andererseits spiegeln gerade die „5 Solas“, zu denen der Spruch gehört, trotz der lateinischen Sprache die protestantischen Glaubensgrundzüge wider, durch die Erlösung erlangt wird: Sola Gratia (Allein durch Gnade), Sola Fide (Allein durch den Glauben), Solus Christus (In Christus allein), Sola Scriptura (Allein die Schrift), Soli Deo Gloria (Einzig Gott zur Ehre).
  • Einfassende Ornamente: Das Tympanonfeld mit der Engelsdarstellung ist mit 2 unterschiedlichen Ornamentfriesen eingefasst, die sich ansatzweise anhand der Befunde rekonstruieren lassen. Die Ecklösungen sind unklar.

Anhand der gewonnen Erkenntnisse wurde eine erste Rekonstruktionsskizze angefertigt, die zeigt, wie in etwa der Engel ausgesehen haben könnte. Die Zeichnung ist noch nicht in allen Details fertig ausgearbeitet, so etwa in den Faltenwürfen. Auch hat die Figur in der skizzenhaften Anlage dieses ersten Vorentwurfs einer Rekonstruktionsdarstellung eher männliche Gesichtszüge bekommen, das wäre zu überarbeiten. Für die Zukunft wäre es wünschenswert, wenn für alle Wände und für das Gewölbe der Eingangshalle aussagekräftige, präzise gemalte und anschauliche Rekonstruktionsdarstellungen angefertigt würden, in welche die gewonnenen Erkenntnisse einfließen und die nach gegenwärtigem Wissenstand das ursprüngliche Aussehen des Eingangsraum für jede Wand abbilden. Im Rahmen einer Ausstellung könnten diese Entwurfsdarstellungen dem Besucher eine gute „Lesehilfe“ beim Betrachten der restaurierten Wandflächen und zum Verständnis des bauzeitlichen Gestaltungskonzeptes sein.

Der 7. Engel – Teil 2

eine künstlerische Intervention von Hartmut Reiher

Hartmut Reiher, Bild 3, Verkündigungsengel Christus selbst