„Geh’ aus mein Herz, und suche Freud’ in dieser lieben Sommerzeit…“
Tür auf, Sonne an, Herz raus
Endlich ist der da. Der Sommer! Und mit ihm die warme Sonne auf der Haut, Eis am Stiel, die bunten Blumen, heimische Erdbeeren, Grillpartys und Pommes essen im Freibad. Menschen tummeln sich draußen, in Gärten, Parks und am Wasser. Alle scheinen eine gute Zeit zu haben. Lachen. Freuen sich. Endlich ist der Sommer da! Doch andere erleben gleichzeitig Tränentäler, Zitterpartien und Durststrecken. Eben auch im Sommer. Und mögen sich am liebsten verkriechen. Die Sonne ausknipsen. Und die Rollladen unten lassen. Rausgehen!? Nein, danke! Leichtigkeit und Schwere, Tränen und Lachen, Freude und Trauer, Entspannung und Wut. Alles ist da. Gleichzeitig. Auch im Sommer.
Wenn es mir schlecht geht, wenn die Tränen fließen, mein Herz schmerzt, wenn meine Gedanken kreisen, summt in mir manchmal ein altes Lied: „Geh’ aus mein Herz und suche Freud’…“. Dieses beliebte Kirchenlied stammt von Paul Gerhard, einer der wohl bedeutendsten deutschen Kirchenlieddichter. Gerhard hat das Lied 1653 geschrieben, fünf Jahre nach dem 30-jährigen Krieg. Außerdem grassierte die Pest und forderte viele weitere Tote. In ihm liegen also die unmittelbaren Erlebnisse dieser schweren Zeiten. Und trotzdem dichtet er diese fröhlichen, beschwingten Zeilen:
„Geh’ aus mein Herz und suche Freud’ in dieser lieben Sommerzeit an deines Gottes Gaben, schau an der schönen Gärtenzier und siehe, wie sie mir und dir sich ausgeschmücket haben, sich ausgeschmücket haben.“
Es ist fast ein bisschen so, als würde uns Paul Gerhard an die Hand nehmen, herausziehen aus den vier Wänden, aus dem Alltag oder eben den Tränentälern und mit uns durch die Natur, durch die Gärten, durch die schöne Sommerzeit wandern. „Das Erdreich decket seinen Staub mit einem grünen Kleide. Narzissus und die Tulipan, die ziehen sich viel schöner an“,(ver-) dichtet Gerhard beobachtend seine Umgebung. Er zählt alles auf, was blüht und lebt: „Die Lerche schwingt sich durch die Luft, das Täublein fliegt aus seiner Kluft…“. Immer wieder anspielend auf biblische Verse führt uns Gerhard durch die Wunder der Natur, durch Gottes Garten. Und zeigt damit: es ist schon alles da, das Schöne und das Gute. Und du bist mittendrin.

Mit diesem seichten leichten Sommerlied geht es nicht um das Ignorieren oder Ausblenden des Unglücks, des Unrechts oder der Katastrophen. Es geht vielmehr um die Überwindung, sich trotz allem in das Leben zu stürzen. Trotz allem wieder auf zustehen. Trotz allem weiterzumachen. Die Rollladen hochzuziehen. Das Licht in das Dunkel hineinzulassen. Das Herz von der Sonne wärmen zu lassen. „Geh aus mein Herz“ kann eine Anstoß geben, rauszugehen, trotz gebrochenen Herzens. „Suche Freud in dieser lieben Sommerzeit’“ kann uns erinnern, dass wir auch im Unglück, die Freude suchen dürfen. Vielleicht gerade dann. Damit das Schwere überhaupt aushaltbar ist.
Also „Geh aus mein Herz“, trau dich, spring hinein in das Leben. Suche leckeres Eis, bunte Blühten, kühles Nass, suche Menschen, mit denen du lachen kannst. Suche die Sonne, das Rauschen der Bäche, den Singsang der Vögel, köstliche Erdbeeren und warme Sommernächte. Geh aus mein Herz, trau dich und lass dich wieder wärmen. Von der Liebe. Vom Leben. Von Gott*.
Titelbild: NAME DES FOTOGRAFEN © Hilke Wiegers / fundus-medien.de
Beitragsbild: NAME DES FOTOGRAFEN © Bernd-Christoph Matern / fundus-medien.de
