„Macht hoch die Tür, die Tor macht weit!“, höre ich es im Radio singen. Was für ein altes Adventslied. Aber ehrlich: bei Klimakrise und Kälte, will ich gerade lieber alles zu halten, Energie und Kosten sparen.
Plötzlich bimmelt mein Handy. Ganz unerwartet kündigt sich Besuch an. Jetzt. Am ersten Adventssonntag. Spontan. Ungeplant. Wie schön, denke ich mir. Und merke dann, das es ja noch gar nicht adventelt. Weder in meiner Wohnung. Noch in mir. Noch kein Adventskranz. Keine Dekoration. Kein Zimtgeruch. Kein Funkeln. Nur die Lieder im Radio dudeln vor sich hin und lassen die Jahreszeit erahnen. Vielleicht sollte ich lieber wieder absagen? Oder ich mache einfach nicht auf, wenn es klingelt. Herrje, ich bin doch noch gar nicht vorbereitet! Nichts ist aufgeräumt.
Kann man das überhaupt so sagen? Frage ich mich… Adventeln? Oder es adventet? Mit Handy in der Hand, öffne ich den Browser und recherchiere. Nein, Advent ist ein Substantiv, lese ich. Stammt vom lateinischen Wort „Adventus“ ab und heißt so viel wie „Ankunft“ und „Warten auf das Kommen Gottes“, „Bereit machen für die Geburt Jesu“… ich lese weiter und vergesse, dass ich eigentlich aufräumen wollte.
Also Handy weg. Und aufräumen. Ein bisschen Besuch ist doch nett, rede ich mir gut zu. Ich wische, putze, alles in Windeseile. Zwischendurch haste ich in meine Abstellkammer und hole die Weihnachtskartons heraus. Schnell ein bisschen dekorieren. Ich öffne die Deckel und blicke in Glitzer, Gold und sattes Rot. Aber plötzlich auch in eine leise Wärme. In einen Glanz. Ja, in einen Glanz von Weihnachten aus dem letzten Jahr. Und werd ruhig. Ganz ruhig.

Und dann bemerke ich, dass auch ich angeblickt werde von fröhlich singenden bunten Gesichtern meiner weihnachtlichen Holzfiguren. Habe sie geerbt von meiner Mutter. Und sie von ihrer Mutter. Und stelle sie jedes Jahr auf. Ich wickel sie alle zart aus dem Zeitungspapier und schaue sie mir genau an. Offene Münder, strahlende Augen, rote Wangen. Singende Vorfreude im ganzen Gesicht.
Ob sie wohl das ganze Jahr über gesungen haben? Macht hoch die Tür, die Tor macht weit? Vermutlich eher: Macht hoch den alten Kartondeckel! Hol’ uns raus hier!
Oh, da liegt noch etwas. Gelb, fröhlich, bunt. Servietten bedruckt mit Ostereiern. Was macht das denn in meinem Weihnachtskarton? Hat sich wohl in der Jahreszeit geirrt. In den Ostereier-Servietten liegt eingewickelt ein Holz-Esel. Und eine Holz-Jesus-Figur. Ganz schlicht. Ohne Glitzer. Ohne Prunk. Ohne Lametta. Keine Krone. Kein Königsgewand. Jesus war schon echt ein anderer Typ. Ganz anders als Herrscher und Könige damals oder heute. Und ich denke an Trump, Putin, an Musk, an Größenwahn und Macht, an Krieg, Gewalt. An all den Prunk, Billionen Dollar und die vergoldeten Regierungshäuser. Und an diese Schieflage: zwischen Menschen, arm und reich, mächtig und entmachet. An all die Menschen, die darunter leiden müssen, die abgewertet werden, ausgeschlossen, unterdrückt werden. Auch hier bei uns.
Im Radio läuft der nächste Song. Withney Houston. Merkwürdige Playlist, denke ich. Ich höre sie singen: My love is your love, and your is my love…
Ja, wie wahr. My Love is your love. Steht das nicht so ähnlich in der Bibel? Liebe Gott, und deinen Nächsten, wie dich selbst. Puh… das klingt so einfach. Und ist so schwer. Was tue ich eigentlich für meine Nächsten? Frage ich mich. Im Alltag geht so viel unter.
Es klingelt. Jetzt schon!? Ich bin doch noch gar nicht vorbereitet! Ich öffne mit der Gegensprechanlage unten die Haustür und verstecke schnell Staubsauger und Wischeimer, Putzhandschuhe und Weihnachtskarton, und lege die Holzfiguren auf den Wohnzimmertisch, während sich mein Besuch die Treppen in den vierten Stock quält.

„Mach mal die Tür auf“, höre ich meine Freundin rufen, „ich brauche Platz!“. Ich öffne die Tür und sie schiebt sich mit viel zu viel Tannengrün durch den Flur. So viel, das ich ihr Gesicht nicht einmal erkennen kann. Auf dem Kopf trägt sie einen Haarreifen mit blinkenden Tannenbäumen. Die Schuhe zieht sie erst gar nicht aus. Und so läuft sie mit matschigen Stiefeln ins Wohnzimmer, den einzigen Raum, den ich gewischt hatte. Sie lässt all das Tannengrün auf dem Wohnzimmerboden fallen. „Da bin ich. Happy Advent“, sagt sie und drückt mich fest. „Komm, wir machen dir einen Adventskranz.“
Und plötzlich ist er da der Advent. Ganz plötzlich. Und adventet.
Ja, Advent kommt. Und sucht sich seine Wege. Advent braucht nicht das zimtige Ambiente, keine arrangierte Dekoration und auch keine geputzten Wohnzimmer. Advent kommt. Trotzdem. Und meistens unvorbereitet. Plötzlich. Advent kommt. Auch in der Unordnung. Mitten hinein ins Unperfekte. Ins nicht vorbereitete. In den mühseligen Alltag. Mitten hinein ins Chaos, in mein eigenes und in das Chaos der Welt. In die Schieflage. Zum Glück. Advent kommt. Wenn wir den Advent hereinlassen. Und unseren Türen öffnen. Mutig. Unsere Fenster öffnen. Ganz weit. Und unsere Herzen öffnen. Zart und ehrlich. Advent kommt und bringt Wärme, Glanz, Hoffnung, Liebe und vertraute Lieder mit, und manchmal, manchmal eben auch matschige Stiefel oder unangekündigten Besuch.
Hallo Advent. Da bist du. Angekündigt und doch so plötzlich. Wie jedes Jahr.
Ach, Advent. Vertraute und geliebte Zeit.
Zum Glück hab ich dir die Tür geöffnet. Amen!
Predigt zum ersten Advent 2025 von Pfrin. Maike Schöfer in der Verklärungskirche Berlin-Adlershof
